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Die Erklärung des Báb
Als der Báb das fünfundzwanzigste Lebensjahr erreicht hatte, erklärte Er auf göttlichen Befehl, daß »Gott, der Erhabene, Ihn auserwählt habe für die Stufe des Vorläufers«. In `A Traveller's Narrative` ist folgendes berichtet:
"Was Er mit dem Ausdruck `Báb` sagen wollte, war: daß Er der Weg der Gnade für eine große Persönlichkeit sei, die sich noch unter dem Schleier der Herrlichkeit verbürge, die im Besitz zahlloser und unbeschränkter Vollkommenheiten sei, von deren Willen Er getrieben werde, und an deren Band der Liebe Er sich klammere."
In jenen Tagen war der Glaube an das bevorstehende Kommen eines Gottgesandten besonders stark bei einer Sekte, bekannt als Shaykhí, und es war ein hervorragender Geistlicher dieser Sekte namens Mullá Husayn Bushrú'í, dem der Báb als erstem Seine Sendung kundgab. Das genaue Datum dieser Verkündigung ist im Bayán, einer der Schriften des Báb, angegeben auf 2 Stunden 11 Minuten nach Sonnenuntergang am Vorabend des 5. Tages des Monats Jamádíyu'l-Avval, 1260 d.H. (23.Mai 1844). 'Abdu'l-Bahá wurde im Laufe der gleichen Nacht geboren, die genaue Stunde Seiner Geburt wurde jedoch nicht festgehalten.
"Als er (Mullá Husayn) nun an jenem Tage, wenige Stunden vor Sonnenuntergang, vor den Toren dieser Stadt weilte, fiel sein Blick plötzlich auf einen jungen Mann mit strahlendem Antlitz und einem grünen Turban. Er kam auf Mullá Husayn zu und bot ihm mit liebevollem Lächeln den Willkommensgruß. Er umarmte ihn so zärtlich, als ob er schon zeitlebens sein liebster Freund gewesen wäre. Mullá Husayn dachte zunächst, Er sei ein Schüler Siyyid Kázims, der von seinem Kommen nach Shíráz gehört hätte und herausgekommen wäre, um ihn zu begrüßen." (Nabils Bericht (I) S. 85)
Mullá Husayn berichtet ausführlich über die erste Begegnung mit dem Báb:
"Der Jüngling, der mir vor dem Tor von Shíráz begegnete, überschüttete mich mit den Bezeugungen Seiner Liebe und Güte. Er lud mich wärmstens zu einem Besuch in Seinem Heim ein, damit ich mich nach den Anstrengungen meiner Reise erfrische. Ich bat Ihn, mich zu entschuldigen, da meine beiden Gefährten schon Vorkehrungen für meinen Aufenthalt in der Stadt getroffen hätten und nun auf meine Rückkehr warteten. »Empfiehl sie der Fürsorge Gottes«, erwiderte Er: »Er wird sie sicher behüten und über ihnen wachen.« Nach diesen Worten bat Er mich, Ihm zu folgen. Ich war tief beeindruckt von der sanften und doch zwingenden Art, wie der fremde Jüngling zu mir sprach. Als ich Ihm folgte, trugen Sein Gang, der Charme Seiner Stimme, die Würde Seines Gebarens dazu bei, die ersten Eindrücke von dieser unerwarteten Begegnung noch zu vertiefen.
Bald standen wir vor dem Eingang eines bescheidenen Hauses. Er klopfte an die Tür, die alsbald von einem äthiopischen Diener geöffnet wurde. »Tritt ein in Frieden und Sicherheit« (Qur'án 15:46), sprach Er, als Er über die Schwelle trat und mich aufforderte, Ihm zu folgen. Seine mit Kraft und Majestät gesprochene Aufforderung bewegte mich zutiefst. Mit solchen Worten angesprochen zu werden, sah ich als ein gutes Vorzeichen, als ich so auf der Schwelle des ersten Hauses stand, das ich in Shíráz betrat, einer Stadt, deren Atmosphäre schon einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte. Sollte mich der Besuch in diesem Hause, so dachte ich bei mir selbst, vielleicht dem Gegenstand meines Suchens näherbringen? Sollte er vielleicht das Ende dieser Zeit des inbrünstigen Verlangens, des eifrigen Forschens und der wachsenden Besorgnis, die ein solches Suchen in sich schließt, beschleunigen? Als ich das Haus betrat und meinem Gastgeber in Sein Zimmer folgte, durchdrang ein Gefühl unbeschreiblicher Freude mein ganzes Sein. Kaum hatten wir uns gesetzt, so ließ Er ein Gefäß mit Wasser bringen und forderte mich auf, den Reisestaub von Händen und Füßen zu waschen. Ich bat, mich zurückziehen und meine Waschungen in einem benachbarten Raum vornehmen zu dürfen. Er lehnte das ab und fuhr fort, Wasser über meine Hände zu gießen. Danach reichte Er mir ein erfrischendes Getränk, worauf Er nach einem Samowar verlangte und selbst den Tee bereitete, den Er mir anbot.
Überwältigt von so vielen Beweisen Seiner außerordentlichen Güte, erhob ich mich, um zu gehen. "Es wird Zeit zum Abendgebet", fiel mir ein zu bemerken. "Ich habe meinen Freunden versprochen, sie um diese Stunde in der IlKhání-Moschee zu treffen." Mit vollendeter Höflichkeit und Ruhe erwiderte Er: »Du hast doch sicherlich die Stunde deiner Rückkehr vom Willen und Wohlgefallen Gottes abhängig gemacht. Es scheint aber, daß Sein Wille es anders bestimmt har. Du brauchst nicht zu fürchten, du habest dein Versprechen gebrochen.« Seine Würde und Selbstsicherheit beruhigten mich. Ich nahm meine Waschungen wieder auf und rüstete zum Gebet. Er stand neben mir und betete auch. Meine Seele, die so bedrängt war von dem Geheimnisvollen dieses Zusammentreffens und von der Spannung und der Anstrengung meines Suchens, wurde beim Beten leichter. Dieses Gebet sprach ich: "Von ganzer Seele habe ich mich bemüht, o mein Gott, und doch habe ich Deinen verheißenen Boten bisher nicht gefunden. Ich bezeuge, daß Dein Wort unfehlbar ist und Deine Verheißung gewiß."
"Jene Nacht, jene denkwürdige Nacht, war der Vorabend des fünften Tages des Jamádíyu'l-Avval des Jahres 1260 d.H. (23. Mai 1844 AD). Es war etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang, als mein jugendlicher Gastgeber mit mir zu sprechen begann. Er fragte mich: »Wen betrachtest du nach Siyyid Kázim als seinen Nachfolger und deinen Führer?« "In seiner Todesstunde", anwortete ich, "hat unser verstorbener Lehrer uns inständig gebeten, unsere Heimstätten zu verlassen und in alle Welt zu ziehen, um den verheißenen Geliebten zu suchen. Ich bin deshalb nach Persien gezogen, habe mich aufgemacht, seinen Willen zu erfüllen, und bin immer noch auf meiner Suche." »Hat dein Lehrer«, so fragte Er weiter, »dir irgendwelche Einzelheiten über die kennzeichnenden Merkmale des Verheißenen genannt?« "ja", erwiderte ich, "Er ist von edler Abkunft, kommt aus einer berühmten Familie und stammt aus dem Geschlecht der Fátimih. Was Sein Alter betrifft, so ist er über zwanzig und nicht mehr als dreißig Jahre alt. Er ist mit angeborenem Wissen begabt. Er ist von mittlerer Größe, raucht nicht und ist völlig frei von körperlichen Gebrechen."
Der Báb schwieg eine Weile, dann erklärte Er mit bebender Stimme: »Siehe, alle diese Zeichen sind offenbar in Mir!« Er ging dann auf jedes der oben genannten Merkmale einzeln ein und legte schließlich dar, daß jedes von ihnen auf Seine Person zutrifft. Ich war höchst erstaunt und bemerkte höflich: "Der dessen Kommen wir erwarten, ist ein Mensch von unübertrefflicher Heiligkeit, und die Sache, die Er offenbaren soll, ist eine Sache von ungeheurer Macht. Vielfältig und mannigfaltig sind die Anforderungen, die der erfüllen muß, der den Anspruch erhebt, ihre sichtbare Verkörperung zu sein. Wie oft hat Siyyid Kázim davon gesprochen, wie umfassend das Wissen des Verheißenen sei! Wie oft sagte er: 'Mein eigenes Wissen ist nur ein Tropfen im Vergleich zu dem, welches Er besitzt. Alles, was ich erreicht habe, ist nur ein Körnchen Staub angesichts Seines unendlich großen Wissens. Nein, unermeßlich ist der Unterschied!'" Kaum waren diese Worte über meine Lippen gekommen, als mich Furcht und Reue erfaßten, die ich nicht verhehlen und mir nicht erklären konnte. Ich machte mir bittere Vorwürfe und beschloß augenblicklich, meine Haltung zu ändern und meinen Ton zu mäßigen. Ich gelobte Gott, daß ich, sollte mein Gastgeber nochmals darauf zurückkommen, mit tiefster Demut antworten und sagen wollte: "Wenn du geneigt wärest, deinen Anspruch zu erhärten, dann würdest du mich sicherlich von der Angst und der Ungewißheit befreien, die so schwer auf meiner Seele lasten. Ich wäre dir zu großem Dank verpflichtet für diese Befreiung."
Als ich zu meiner Suchfahrt aufgebrochen war, hatte ich mir anfangs vorgenommen, auf die folgenden beiden Merkmale zu achten, woran ich den erkennen könne, der den Anspruch erhöbe, der verheißene Qá'im zu sein. Das erste war eine Abhandlung, die ich selbst verfaßt hatte im Zusammenhang mit den schwer verständlichen und geheimnisvollen Lehren, die Shaykh Ahmad und Siyyid Kázim dargelegt hatten. Demjenigen, der die geheimnisvollen Andeutungen in dieser Abhandlung zu erklären imstande sich zeigte, dem wollte ich auch meine zweite Frage vorlegen und ihn bitten, ohne jedes Zaudern oder Bedenken einen Kommentar zur Sure Josef darzulegen, der sich in Stil und Sprache völlig von den damals üblichen Beweisführungen unterscheiden sollte. Ich hatte früher einmal Siyyid Kázim unter vier Augen gebeten, einen Kommentar zu dieser Sure zu schreiben, was er jedoch ablehnte mit den Worten: "Das steht mir wahrlich nicht zu. Er, jener Große, der nach mir kommt, wird ihn dir ungefragt offenbaren. Dieser Kommentar wird eines der gewichtigsten Zeugnisse für Seine Wahrheit und einer der klarsten Beweise für die Erhabenheit Seiner Stellung sein."
All dies ging mir durch den Sinn, als mein hoher Gastgeber wieder bemerkre: »Beobachte ganz aufmerksam. Könnte es nicht sein, daß der Mensch, den Siyyid Kázim meinte, niemand anders ist als Ich?« Er drängte mich daraufhin, Ihm ein Exemplar der Abhandlung, die ich bei mir trug, zu überreichcn. "Willst du", so fragte ich Ihn, "dieses Buch von mir lesen und seine Seiten mit nachsichtigem Blick ansehen? Übersieh bitte meine Schwächen und Fehler." Voll Güte kam Er meinem Wunsche nach. Er schlug das Buch auf, überflog einige Zeilen, schloß es wieder und begann mit mir zu sprechen. In wenigen Minuten hatte Er mit der Ihm eigenen Lebhaftigkeit alle seine Geheimnisse zauberhaft enthüllt und alle Probleme gelöst. Nachdem Er so die Ihm zur Lösung vorgelegte Aufgabe in so kurzer Zeit zu meiner größten Zufriedenheit erfüllt hatte, erläuterte Er mir darüber hinaus noch bestimmte Wahrheiten, die weder in den überlieferten Äußerungen der Imáme des Glaubens noch in den Schriften von Shaykh Ahmad und Siyyid Kázim zu finden waren. In diesen Wahrheiten, von denen ich nie zuvor gehört hatte, schien eine herzerquickende Lebendigkeit und Kraft zu liegen.
Später bemerkte Er: »Wärest du nicht Mein Gast gewesen, deine Lage hätte wirklich unangenehm werden können. Die allumfassende Gnade Gottes hat dich bewahrt. Es liegt bei Gott, Seine Diener zu prüfen, aber Seinen Dienern steht es nicht zu, Ihn mit ihrem unzulänglichen Maß zu beurteilen. Wenn Ich dich von deiner Verwirrung nicht befreien sollte, wäre dann die Wirklichkeit, die in Mir leuchtet, unwirksam zu nennen, oder Mein Wissen als falsch zu beschuldigen? Nein, bei der Gerechtigkeit Gottes! An diesem Tag geziemt es den Völkern und Nationen in Ost und West, an diese Schwelle zu eilen und hier die belebende Gnade des Barmherzigen zu suchen. Wer da zögert, wird wahrhaft schmerzlich im Nachteil sein. Bezeugen nicht die Völker der Erde, daß das grundlegende Ziel ihrer Erschaffung das Wissen um Gott und Seine Verehrung ist? Es ist ihre Pflicht, sich zu erheben, so ernsthaft und aus freien Stücken, wie du es getan hast, und mit Entschlossenheit und Ausdauer den Geliebten zu suchen, der ihnen verheißen ist.«
Dann fuhr Er fort: »Nun ist es Zeit, den Kommentar zur Sure Josef zu offenbaren.« Er nahm Seine Feder auf, und mit unglaublicher Schnelligkeit offenbarte Er die ganze Sure Mulk, das erste Kapitel Seines Kommentars zur Josefsure. Der überwältigende Eindruck von der Art und Weise, wie Er schrieb, wurde noch erhöht durch den leisen Gesang Seiner Stimme, der Sein Schreiben begleitete. Nicht einen einzi gen Augenblick unterbrach Er den Fluß der Verse, die Seiner Feder entströmten. Kein einziges Mal setzte Er ab, bis die Sure Mulk vollendet war. Ich saß da, hingerissen vom Zauber Seiner Stimme und der mitreißenden Gewalt Seiner Offenbarung. Schließlich erhob ich mich zögernd von meinem Sitz und bat, mich nun verabschieden zu dürfen. Er gebot mir lächelnd sitzenzubleiben und sprach: »Wenn du in diesem Zustand weggehst, wird sicher jeder, der dich sieht, sagen: 'Der arme Junge hat den Verstand verloren.'« Zu diesem Zeitpunkt zeigte die Uhr zwei Stunden und elf Minuten nach Sonnenuntergang. Diese Nacht war der Vorabend des fünften Tages des Jamádíyu'l-Avval im Jahr 1260 d.H., und dies stimmt überein mit dem Vorabend des fünfundsechzigsten Tages nach Naw-Rúz, der zugleich auch der Vorabend des sechsten Tages von Khurdád des Jahres Nahang war. »Diese Nacht«, so erklärte Er, »diese Stunde wird in kommenden Tagen als eines der erhabensten und bedeutsamsten aller Feste gefeiert werden. Danke Gott, daß Er dir gütig geholfen har, das Ziel deines Herzenswunsches zu erreichen und vom versiegelten Wein Seines Wortes zu trinken. 'Wohl denen, die dazu gelangen.'«
...Dann sprach Er zu mir mit diesen Worten: »O du, der du der erste bist, der an Mich glaubt! Wahrlich, Ich sage, Ich bin der Báb, das Tor Gottes, und du bist der Bábu'l-Báb, das Tor dieses Tores. Achtzehn Seelen müssen zu Beginn von selbst und aus eigenem Antrieb Mich annehmen und die Wahrheit Meiner Offenbarung anerkennen. Ohne zuvor verständigt oder aufgefordert zu sein, muß jede von ihnen unabhängig Mich zu finden suchen. Und wenn ihre Zahl erfüllt ist, muß eine unter ihnen dazu auserwählt werden, Mich auf Meiner Pilgerfahrt nach Mekka und Medina zu begleiten. Dort werde ich die Botschaft Gottes dem Sharíf von Mekka übermitteln. Dann werde Ich nach Kúfih zurückkehren, wo Ich in der Moschee jener heiligen Stadt Seine Sache wieder offenbaren werde. Dir ist auferlegt, weder deinen Gefährten noch irgend einer anderen Seele mitzuteilen, was du gesehen und gehört hast. Bete und lehre in der Ilkhání-Moschee. Auch Ich werde Mich dort mit dir im Gebet vereinen. Sieh zu, daß dein Verhalten Mir gegenüber das Geheimnis deines Glaubens nicht verrate! Fahre in deinem Tun fort und behalte deine Haltung bei bis zu unserer Abreise nach Hijáz. Bevor wir abreisen, werden wir jeder der achtzehn Seelen eine besondere Botschaft auftragen und werden sie aussenden, ihre Aufgabe zu erfüllen. Wir werden sie anweisen, das Wort Gottes zu lehren und die Seelen der Menschen zu erwecken.« Als Er diese Worte zu mir gesprochen hatte, entließ Er mich aus Seiner Gegenwart. Er begleitete mich bis zur Haustür und empfahl mich der Obhut Gottes." (Nabils Bericht (I) S.85 ff.)
Es dauerte nicht lange, bis 17 weitere Personen durch Träume und Visionen selbstständig zum Báb fanden. Sie wurden von nun an bekannt als die 18 Buchstaben des Lebendigen. Bald begann der Ruf des jungen Offenbarers, einem Lauffeuer gleich, sich über das Land auszubreiten. |
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