Info Site Admin
Anmeldedatum: 16.11.2007 Beiträge: 330
|
|
| Die Tore des Gefängnisses öffnen sich |
|
|
Die Tore des Gefängnisses öffnen sich
Auch während der Zeit der schlimmsten Einkerkerung waren die Bahá'í nicht entmutigt, und ihr heiteres Vertrauen wurde nie erschüttert. Schrieb doch Bahá'u'lláh in der Kaserne von 'Akká an verschiedene Freunde:
»Fürchtet euch nicht. Diese Tore werden sich öffnen. Mein Zelt wird auf dem Berge Karmel aufgeschlagen werden, und die herrlichste Freude werden wir erleben.«¹
Diese Erklärung war eine große Quelle des Trostes für Seine Gefährten, und im gegebenen Augenblick erfüllte sie sich wörtlich. Die Geschichte, wie die Gefängnistore sich öffneten, ist am besten erzählt mit den Worten von 'Abdu'l-Bahá, wie sie dessen Enkel Shoghi Effendi (ins Englische) übersetzt hat:¹
»Bahá'u'lláh liebte die Schönheit und das Grün des Landes. Eines Tages bemerkte Er nebenbei: `Ich bin jetzt neun Jahre lang nicht mehr im Grünen gewesen. Das Land ist die Welt der Seele, die Stadt die Welt des Körpers`. Als man mir diesen Ausspruch mitteilte, erkannte ich, daß Er sich nach dem Lande sehnte, und ich war sicher, daß von Erfolg begleitet sein würde, was ich auch tun würde, um Seinen Wunsch zu erfüllen. Es gab in 'Akká zu jener Zeit einen Mann, namens Muhammad Páshá Safwat, der gegen uns sehr feindselig war. Er besaß einen Palast, der Mazra'ih hieß, etwa vier Meilen nördlich der Stadt, einem lieblichen Ort, von Gärten umgeben und mit einem fließenden Gewässer. Ich ging und besuchte diesen Páshá in seinem Heim. Ich sagte: `Páshá, du läßt deinen Palast leer stehen und lebst in 'Akká.` Er erwiderte: `Ich bin gebrechlich und kann die Stadt nicht missen. Wenn ich hinausgehe, ist es mir zu einsam, und ich bin von meinen Freunden abgeschnitten.` Ich sagte: `Weil du nicht draußen lebst und das Haus leer steht, überlasse es doch uns`. Er war erstaunt über den Vorschlag, aber bald war er damit einverstanden. Ich bekam das Haus zu einer sehr niedrigen Miete, etwa fünf Pfund das Jahr, bezahlte diese auf fünf Jahre und schloß einen Vertrag mit ihm ab. Ich schickte Arbeiter, den Platz instandzusetzen und den Garten in Ordnung zu bringen, auch ein Bad ließ ich einbauen. Ich hatte auch ein Gefährt zur Benutzung durch die Gesegnete Schönheit² bereitgestellt. Eines Tages entschloß ich mich, hinauszugehen und den Ort selbst anzusehen. Trotz der wiederholten Einschärfungen in späteren Befehlen, daß wir unter keinen Umständen die Grenzen der Stadtmauer überschreiten dürften, ging ich zum Stadttor hinaus. Dort standen Wachen, aber sie erhoben keinen Einwand, und ich begab mich sogleich zu dem Palast. Am nächsten Tage ging ich wieder hinaus, begleitet von verschiedenen Freunden und Beamten, unbelästigt und ohne Widerstand zu finden, obgleich die Pförtner und Wachen zu beiden Seiten der Stadttore standen. Andern Tags veranstaltete ich ein Gastmahl, stellte eine Tafel unter die Pinienbäume von Bahjí und versammelte die Spitzen und Beamten der Stadt. Abends kehrten wir zusammen in die Stadt zurück.«
Eines Tages nun begab ich mich in die heilige Gegenwart der Gesegneten Schönheit und sagte: `Der Palast zu Mazra'ih steht für uns bereit und ein Gefährt, um Dich dahin zu bringen`. (Um jene Zeit gab es in 'Akká oder Haifa keine Fahrzeuge.) Er weigerte sich zu gehen und sagte: `Ich bin ein Gefangener.` Später bat ich Ihn wieder, erhielt aber die gleiche Antwort. Ich ging soweit, Ihn ein drittes Mal zu bitten, aber Er sagte nur: `Nein`, und ich wagte nicht, weiter in Ihn zu dringen.
Nun wohnte in 'Akká ein gewisser muhammadanischer Shaykh, ein wohlbekannter Mann von bedeutendem Einfluß, der Bahá'u'lláh liebte und der bei Ihm in großer Gunst stand. Ich besuchte diesen Shaykh und legte ihm die Sache dar. Ich sagte: `Du darfst es wagen. Begib dich zur Nacht in Seine heilige Gegenwart, falle auf die Knie vor Ihm, erfasse seine Hände und lasse nicht nach und gehe nicht, bis Er verspricht, die Stadt zu verlassen.` Er war ein Araber... Er begab sich unverzüglich zu Bahá'u'lláh und ließ sich vor Ihm auf die Knie nieder. Er ergriff die Hände der Gesegneten Schönheit, küßte sie und frug: `Warum verlässest Du die Stadt nicht?` Er sprach: `Ich bin ein Gefangener.` Der Shaykh entgegnete: `Da sei Gott vor! Wer hat die Macht, Dich zu einem Gefangenen zu machen? Du hast Dich selbst in Gefangenschaft gehalten. Es war Dein eigener Wille, gefangengehalten zu werden, und nun bitte ich Dich, herauszukommen und zu dem Palaste zu gehen. Es ist herrlich und grün. Die Bäume sind lieblich und die Orangen glühen wie Feuerbälle!` Sooft die Gesegnete Schönheit sprach: `Ich bin ein Gefangener, es kann nicht sein`, griff der Shaykh nach Seinen Händen und küßte sie. Eine ganze Stunde lang ließ er nicht nach, auf Bahá'u'lláh einzureden. Schließlich sagte Bahá'u'lláh: `Khaylí khúb (also gut)`, und des Shaykhs Geduld und Ausdauer waren belohnt. Er kam zu mir in großer Freude, mir die frohe Neuigkeit der Einwilligung Seiner Heiligkeit zu bringen. Trotz dem strengen Befehl von 'Abdu'l-'Azíz, der mir eine Begegnung oder sonst eine Verbindung mit der Gesegneten Vollkommenheit³ verbot, nahm ich am nächsten Tage das Gefährt und fuhr mit Ihm zu dem Palast hinaus. Niemand machte eine Einwendung. Ich verließ Ihn dort und kehrte zur Stadt zurück.
Zwei Jahre lang verblieb Er an diesem reizenden und lieblichen Ort. Dann entschied Er sich, anderswohin zu gehen, nämlich nach Bahjí. Damals brach eine Seuche in Bahjí aus, und der Eigentümer des Hauses entfloh aus Angst mit seiner ganzen Familie und erklärte sich bereit, sein Haus irgendeinem Bewerber umsonst zu überlassen. Wir übernahmen das Haus gegen eine ganz niedrige Miete, und hier wurden die Tore der Majestät und der wahren Herrschaft weit geöffnet. Bahá'u'lláh war dem Namen nach ein Gefangener (denn die strengen Befehle des Sultáns 'Abdu'l-Azíz wurden nie aufgehoben), aber in Wirklichkeit zeigte Er eine solche Vornehmheit und Würde in Seinem Leben und Seinem Auftreten, daß Er von jedermann verehrt wurde und die Herrscher von Palästina Ihn um Seinen Einfluß und Seine Macht beneideten. Gouverneure und Mutisarrifs, Generäle und örtliche Beamte suchten demütig um die Ehre nach, in Seine Gegenwart zu gelangen - eine Bitte, der Er selten entsprach.
Einmal suchte ein Gouverneur der Stadt auf höheren Befehl um die Gunst nach, die Gesegnete Vollkommenheit mit einem gewissen General zusammen besuchen zu dürfen. Dem Verlangen wurde entsprochen, und der General, ein sehr wohlbeleibter Mann, ein Europäer, war so beeindruckt von der majestätischen Gegenwart von Bahá'u'lláh, daß er knieend auf dem Boden in der Nähe der Türe verharrte. So groß war die Schüchternheit der beiden Besucher, daß es wiederholter Einladungen von Bahá'u'lláh bedurfte, sie zu bewegen, die Nargileh (Wasserpfeife) zu rauchen, die Er ihnen anbot. Auch dann berührten sie diese nur mit den Lippen, legten sie wieder beiseite, kreuzten dann ihre Arme und saßen in solcher Demut und Hochachtung da, daß es für die Anwesenden ganz erstaunlich war.
Die liebevolle Ergebenheit der Freunde, die Rücksicht und Hochachtung, die Ihm von allen Beamten und Standespersonen entgegengebracht wurde, der Zustrom der Pilger und Sucher nach Wahrheit, der Geist der Hingabe und des Dienstes, der rings um Ihn offenbar wurde, die hoheitsvolle und königliche Haltung der Gesegneten Vollkommenheit, die Wirkungskraft Seines Gebotes, die Zahl der Ihm so eifrig Ergebenen, all dies legte Zeugnis ab für die Tatsache, daß Bahá'u'lláh in Wirklichkeit kein Gefangener war, sondern ein König der Könige. Zwei despotische Regenten standen gegen Ihn, zwei mächtige Selbstherrscher, und doch, auch als Er eingeschlossen war in ihren Gefängnissen, redete Er sie in gebietendem Tone an, wie ein König seine Untertanen. Später lebte Er, trotz strenger anderweitiger Befehle, in Bahjí wie ein Fürst. Er konnte oft sagen: `Wahrlich, wahrlich, das elendeste Gefängnis hat sich in das Paradies Eden umgewandelt.`«
»Sicher, etwas Derartiges ist noch nicht dagewesen seit der Schöpfung der Welt.«
¹ Gibt es hierzu und Abdu'l-Bahás Erzählung noch eine weitere Quelle?
² Jamál-i-Mubárak = die Gesegnete Schönheit: wurde Bahá'u'lláh von Seinen Anhängern und Freunden oft genannt.
³ Gesegnete Vollkommenheit, ein Beiname Bahá'u'lláhs
|
|