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Dr. Udo Schaefer

Zitiert aus Sekte oder Offenbarungsreligion? Zur religionswissenschaftlichen Einordung des Baha'i-Glaubens von Dr. Udo Schaefer:



Wurde im älteren Schrifttum die Baha'i-Religion meist als "Sekte" beurteilt, so hat sich das Urteil des neueren Schrifttums eindeutig zugunsten des Anspruchs der Baha'i, unabhängige Offenbarungsreligion zu sein, verschoben.

Der evangelische Theologe und Religionswissenschaftler Gerhard Rosenkranz hat in seinem 1949 erschienen Buch über die Baha'i bei aller kritischen Distanz eindeutig herausgestellt, dass das Baha'itum "religionsgeschichtlich gesehen, in seinem Aufbruch eine echte prophetische Bewegung", eine "neue Religion" ist, die dem Islam entwachsen ist. Rosenkranz hebt hervor, "dass im Baha'itum nicht eine der im Westen modernen Ersatz- und verkappten Religionen, sondern eine urtümlich religiöse Bewegung vor uns steht" (Die Baha'i, S.7 und 56).

A. Bausani bezeichnet in der vom Vatikan Enciclopedia Cattolica die Babi-Religion (Stichwort: "Babismo") als "nuova religione" und die Baha'i-Religion als "religione sviluppatasi dal Babismo" (Bd. II, S. 640 und 692). Zum gleichen Ergebnis kommen Rudolf Jockel (Die Lehren der Baha'i-Religion, S.104) und Joachim Wach (Religionssoziologe, S. 149 ff.).
Auch der Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Stuttgart, Kurt Hutten, der der Baha'i-Religion sehr kritisch gegenüberstand, hat diese in seinem Sektenbuch als Religion und nicht als Sekte behandelt (Seher, Grübler, Enthusiasten, S. 317 ff.).

Helmut von Glasenapp, der die Baha'i-Religion bereits 1957 in der Fischer-Bücherei erschienen Werk "Die nichtchristlichen Religionen" als Religion und nicht als Sekte behandelt hatte, beurteilte in seinem Gutachten vom 03.10.1961 die Baha'i-Religion wie folgt:
"Die Religion der Baha'i ist zwar aus dem Islam hervorgegangen, stellt aber eine selbstständige Glaubensform, keine islamische Sekte dar. Man müsste ja auch sonst das Christentum, weil es aus dem Judentum erwachsen ist, als eine jüdische Sekte auffassen." (Baha'i-Briefe Heft 14 (Oktober 1963), S.340).

In seinem Gutachten vom 10.10. 1961 hat Gerhard Rosenkranz seine bereits früher bekundete Auffassung nochmals präzisiert: "Im Baha'itum bietet die neuere Religionsgeschichte ein Beispiel dafür, wie aus einer Weltreligion, in diesem Fall dem Islam, eine Bewegung entstehen kann, die nicht nur den Anspruch erhebt, selbst eine Weltreligion zu sein, sondern auch die religionsphänomenologischen Merkmale einer solchen aufweist...Es war das Werk Baha'u'llahs, dass er die Grundelemente einer selbstständigen Religion, die er beim Bab vorfand, aus ihrer Bindung an die Shi'ah löste und auf ihnen das Gebäude der Baha'i-Religion errichtete, die den Anspruch erhebt, die Erfüllung...aller Religionen zu sein. Mit diesem Anspruch, mit dem sie die anderen Religionen nicht ausschließt, sondern in sich aufnimmt, ist das Baha'itum als eigenständige Religion anzuerkennen."

Auch der evangelische Theologe Friedrich Heiler beurteilt die Baha'i-Religion als "Religion":
"Während der Bab ein Reformer des Islam war, ist Baha'u'llah der Schöpfer einer neuen Religion. Das Verhältnis Baha'u'llahs zum Islam ist einerseits ein ähnliches wie das des Islam zum Judentum und Christentum. So wenig man den Islam als eine jüdische oder christliche Sekte bezeichnen kann, ebenso wenig kann man die Baha'i-Religion unter islamischen Sekten oder Ordensgemeinschaften einreihen. Schon der Umstand, dass Baha'u'llah als Träger der letzten und höchsten Offenbarung die Stelle einnimmt, die im Islam Muhammad gebührt, macht die Selbstständigkeit der Baha'i-Religion gegenüber dem Islam deutlich ... Der Baha'ismus steht somit als geschichtliche Erscheinung den anderen Universalreligionen, dem Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Islam, Sikhismus und Christentum ebenbürtig zur Seite." (Gutachten vom 4. 12. 1961, Baha'i-Briefe Heft 29 (Juli 1967), S. 735)

Diese Auffassung hat sich inzwischen durchgesetzt. Rainer Flasche behandelt die Baha'i-Religion als eigenständige Offenbarungsreligion (Die Religion der Einheit und Selbstverwirklichung der Menschheit, S. 188 ff.).

Ernst Damann nennt als Kriterium für die Zuerkennung der Qualtität einer urtümlichen Religion die Interpretation klassischer Texte, das Vorhandensein einer neuen Schrift und das Selbstverständnis der Gemeinschaft (Grundriss der Religionsgeschichte, S. 101). Die Baha'i-Religion erfüllt diese Voraussetzungen. Sie hat in den Offenbarungsschriften Baha'u'llahs ein eigenes Buch, sie interpretiert die klassischen Heiligen Schriften, insbesondere Altes Testament, Neues Testament und den Qur'an auf das Kommen Baha'u'llahs hin, in dem sie die Erfüllung der Verheißungen vergangenen Religionen sieht, und ist ihrem Glaubensverständnis nach eine neue Heilsbotschaft Gottes an die Menschheit.

Carsten Colpe nennt die Baha'i-Religion eine "Weltreligion" (Drängt die Religionsgeschichte nach einer Summe? S.221). Auch Peter Meinhold behandelt die Baha'i-Religion als "Weltreligion" (Die Religionen der Gegenwart, S. 317-338). Für die Verwendung dieses Begriffs führt er hauptsächlich folgende Kriterien an:
Der Eigenanspruch einer weltumfassenden Mission (a.a.O., S. 20), die moderne Erfahrung der Einheit der Welt muss in das Selbstverständnis dieser Religion eingegangen sein (a.a.O., S.22 ff.), die Religion muss sich der Frage stellen, welchen Beitrag sie als Religion zur Lösung der Probleme leisten kann (a.a.O., S.23), die Religion muss sich mit dem Problem der Pluralität der Religionen auseinandersetzen "und es einer Lösung zuführen, die dem Weltverständnis von heute entspricht und gerecht wird" (a.a.O., S.24).

Die modernen Enzyklopädien haben diese Konsequenz gezogen (z.B. Encyklopaedia Britannica, Stichwort Baha'i-Faith, 15. Auflage 1974). F. Vahman hat in der evangelischen Theologischen Realenzyklopädie mit zutreffenden Gründen die Subsummierung der Baha'i-Religion unter den Sektenbegriffen abgelehnt und festgestellt: "Der Baha'ismus ist einzuordnen in die Hochreligionen der Erde. Er ist die im Lichte der Geschichte entstandene jüngste Offenbarungsreligion. Angesichts der Tatsache, dass der Baha'ismus sich an die gesamte Menschheit wendet und bereits in den meisten Ländern der Erde Fuß gefasst hat, kann er schon heute den Weltreligionen zugerechnet werden" (Bd. V, S.131).
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Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Verfasst am: 18.11.2007, 12:22
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