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In der theosophischen Gesellschaft in Paris

40. IN DER THEOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT IN PARIS

40.1 Seit meiner Ankunft in Paris habe ich viel von der Theosophischen Gesellschaft sprechen hören, und ich weiß, daß ihre Mitglieder hochgeachtete und angesehene Menschen sind. Ihr besitzt Verstand und Überlegung, hegt geistige Ideale, und es ist für mich ein großes Vergnügen, unter euch zu sein.

40.2 Laßt uns Gott danken, der uns am heutigen Abend hier versammelt hat. Es ist mir eine große Freude, denn ich sehe, daß ihr alle Wahrheitssucher seid. Ihr seid nicht durch die Bande des Vorurteils gefesselt, und eure größte Sehnsucht gilt der Wahrheit. Die Wahrheit läßt sich mit der Sonne vergleichen. Die Sonne ist der leuchtende Körper, der alle Schatten auflöst, und so löst auch die Wahrheit die Schatten unserer Einbildungen auf. Gleichwie die Sonne dem Körper der Menschheit Leben gibt, so gibt die Wahrheit ihren Seelen Leben. Die Wahrheit ist eine Sonne, die an verschiedenen Punkten des Horizontes aufgeht

40.3 Manchmal erhebt sich die Sonne inmitten des Horizontes, dann wieder, im Sommer, weiter nach Norden und im Winter gegen Süden, doch immer ist es die gleiche Sonne, wie verschieden auch ihre Aufgangspunkte seien.

40.4 In gleicher Weise gibt es nur eine Wahrheit, obgleich sie in der Erscheinung sehr verschieden sein mag. Manche Menschen haben Augen und sehen. Sie verehren die Sonne, gleichviel, von welchem Punkt des Horizontes sie heraufsteigt, und wenn die Sonne den Winterhimmel verlassen hat, um am sommerlichen Himmel zu erscheinen, so wissen sie, wo sie sie wiederfinden. Dann wieder gibt es Menschen, die nur den Ort, an dem die Sonne aufgegangen ist, verehren, und geht sie in ihrer Pracht an einem anderen Orte auf, so verharren sie in Betrachtung vor dem Orte ihres früheren Aufgangs. Ach, diesen Menschen bleiben die Segnungen der Sonne vorenthalten! Wer in Wahrheit die Sonne selbst verehrt, wird sie erkennen, an welchem Aufgangsort sie auch erscheinen mag, und er wird sein Angesicht ihrem Glanz geradewegs entgegenheben.

40.5 Wir müssen die Sonne selbst und nicht nur ihren Erscheinungsort verehren. So verehren auch die Menschen, deren Herz erleuchtet ist, die Wahrheit wo immer sie am Horizonte aufgeht. Sie sind durch keine Persönlichkeit gebunden, sondern folgen der Wahrheit und sind fähig, sie zu erkennen, gleichviel, woher sie kommen mag. Es ist die gleiche Wahrheit, die der Menschheit vorwärts hilft und allen Geschöpfen Leben gibt, denn sie ist der Baum des Lebens.

40.6 In seinen Lehren erklärt uns Bahá'u'lláh die Wahrheit, und ich möchte kurz zu euch darüber sprechen, denn ich sehe, daß ihr Verständnis habt.

40.7 Das erste Prinzip Bahá'u'lláhs ist: `Das Suchen nach Wahrheit`

40.8 Der Mensch muss sich von allen Vorurteilen und von den Ergebnissen seiner eigenen Einbildung trennen, so daß er zum ungehinderten suchen nach Wahrheit fähig werde. `Die Wahrheit ist eine` in allen Religionen, und durch sie vermag die Einigkeit der Welt zur Tat zu werden.

40.9 Alle Menschen haben einen gleichen Glaubensuntergrund. Da er `nur einer` ist, kann auch die Wahrheit nicht gespalten werden, und die Unterschiede, die offensichtlich zwischen den Nationen herrschen, entspringen lediglich ihrer Bindung an das Vorurteil. Würden die Menschen nur nach Wahrheit suchen, so würden sie sich einig finden.

40.10 Das zweite Bahá'í-Prinzip ist: `Die Einheit der Menschheit`

40.11 Der eine alliebende Gott schenkt seine göttliche Gnade und Gunst der ganzen Menschheit. Einer und alle sind Diener des Höchsten, und seine Güte, Barmherzigkeit und Gnade ergießen sich über alle seine Geschöpfe. Der Glanz des Menschentums ist eines jeden Erbteil.

40.12 Alle Menschen sind die Blätter und Früchte des gleichen Baumes, sie alle sind Zweige des Baumes Adams und haben alle gleichen Ursprung. Der gleiche Regen ist auf alle herniedergegangen, die gleiche warme Sonne läßt sie wachsen, sie alle werden durch den gleichen Wind erfrischt. Der einzige Unterschied, der in der Tat besteht und Trennung bringt, ist der, daß es Kinder gibt, die einer Führung bedürfen, Unwissende, die Belehrung und Kranke, die Pflege und Heilung brauchen. Darum sage ich, daß die ganze Menschheit in die Barmherzigkeit und Gnade Gottes eingetaucht ist, wie uns alle Heiligen Schriften sagen: alle Menschen sind gleich vor Gott. Er sieht nicht die Person an.

40.13 Das dritte Prinzip Bahá'u'lláhs lautet: `Religion sollte Liebe und Zuneigung hervorrufen`

40.14 Die Religion sollte alle Herzen vereinen und Krieg und Streitigkeiten auf der Erde vergehen lassen, Geistigkeit hervorrufen und jedem Herzen Licht und Leben bringen. Wenn die Religion zur Ursache von Abneigung, Haß und Spaltung wird, so wäre es besser, ohne sie zu sein, und sich von einer solchen Religion zurückzuziehen, wäre ein wahrhaft religiöser Schritt. Denn es ist klar, daß der Zweck des Heilmittels die Heilung ist, wenn aber das Heilmittel die Beschwerden nur verschlimmert, so sollte man es lieber lassen. Jede Religion, die nicht zu Liebe und Einigkeit führt, ist keine Religion. Die heiligen Propheten waren alle gleichsam Seelenärzte, sie gaben Rezepte, um die Menschheit zu heilen. Darum stammen alle Mittel, die zu Erkrankungen führen, nicht vom großen und höchsten Arzte.

40.15 Das vierte Prinzip Bahá'u'lláhs ist: `Die Einheit von Religion und Wissenschaft`

40.16 Wir mögen die Wissenschaft als einen Flügel und die Religion als einen anderen Flügel betrachten. Der Vogel braucht zwei Flügel, um fliegen zu können, einer allein wäre zwecklos. Jede Form von Religion, die der Wissenschaft nicht entspricht oder sich zu ihr im Gegensatz befindet, ist gleichbedeutend mit Unwissenheit, denn Unwissenheit ist der Gegensatz von Wissen.

40.17 Eine Religion, die nur aus vorurteilsvollen Riten und Bräuchen besteht, ist nicht die Wahrheit. Laßt uns ernstlich danach streben, zu Werkzeugen der Vereinigung von Religion und Wissenschaft zu werden.

40.18 'Alí, der Schwiegersohn Muhammads, sagte: "Was mit der Wissenschaft übereinstimmt, ist auch mit der Religion in Einklang." Was immer die Intelligenz des Menschen nicht zu begreifen vermag, sollte auch von der Religion nicht angenommen werden. Die Religion geht mit der Wissenschaft Hand in Hand, und jede Religion, die der Wissenschaft widerspricht, ist nicht die Wahrheit.

40.19 Das fünfte Prinzip Bahá'u'lláhs lautet: `Vorurteile der Religion, der Rasse oder der politischen Zugehörigkeit zerstören die Grundlagen der Menschheit`

40.20 Alle Spaltungen in der Welt, Haß, Krieg und Blutvergießen, werden durch das eine oder andere dieser Vorurteile hervorgerufen.

40.21 Die ganze Welt muss als ein einziges Land betrachtet werden, alle Völker als ein Volk und alle Menschen als Angehörige einer Rasse. Religionen, Rassen und Nationen sind alle nur Trennungen, die der Mensch gemacht hat, und nur in seinem Denken nötig. Vor Gott gibt es weder Perser, noch Araber, Franzosen oder Engländer, denn Gott ist ihrer aller Gott, und für ihn gibt es nur eine Schöpfung. Wir müssen Gott gehorchen und danach streben, ihm zu folgen, indem wir alle unsere Vorurteile hinwegtun und der Erde Frieden bringen.

40.22 Das sechste Prinzip Bahá'u'lláhs ist: `Gleiche Daseinsmöglichkeiten`

40.23 Jedes menschliche Wesen hat das Recht zu leben, alle haben ein Anrecht auf Ruhe und auf ein gewisses Maß von Wohlstand. Wenn ein Reicher auf seinem Schloß in Üppigkeit und größter Behaglichkeit zu leben vermag, so sollte auch der Arme so viel erhalten können, daß er leben kann. Niemand dürfte Hungers sterben, jeder müsste ausreichende Kleidung haben. Es dürfte keiner im Übermaß leben, während andere keine Daseinsmöglichkeit besitzen.

40.24 Laßt uns mit unserer ganzen Kraft versuchen, bessere Verhältnisse zu schaffen, so daß keine einzige Seele hilflos ist.

40.25 Das siebente Prinzip Bahá'u'lláhs ist: `Die Gleichstellung der Menschen - Gleichheit vor dem Gesetz`

40.26 Das Gesetz muss herrschen und nicht der einzelne. Dadurch wird die Welt zu einer Stätte der Schönheit werden und wahre Bruderschaft zustande kommen. Wenn die Menschen Zusammengehörigkeitsgefühl erlangt haben, werden sie zur Wahrheit hingefunden haben.

40.27 Das achte Prinzip Bahá'u'lláhs ist: `Der Weltfrieden`

40.28 Die Völker und Regierungen aller Länder müssen einen obersten Gerichtshof wählen, in dem Mitglieder der einzelnen Länder und Regierungen in Einigkeit tagen. Alle Streitfragen sollen vor dieses Gericht gebracht werden, dessen Aufgabe die Verhütung von Kriegen ist.

40.29 Das neunte Prinzip Bahá'u'lláhs lautet: `Daß sich die Religion nicht mit politischen Fragen befassen sollte`

40.30 Die Religion befaßt sich mit geistigen Fragen, die Politik mit weltlichen Angelegenheiten. Die Religion hat es mit der Gedankenwelt zu tun, während das Gebiet der Politik zum Bereich der äußeren Gegebenheiten gehört.

40.31 Die Aufgabe der Geistlichkeit liegt in der Erziehung des Volkes, in seiner Unterweisung, Beratung und Bildung, damit es geistig wachse. Mit politischen Fragen hat sie nichts zu tun.

40.32 Das zehnte Prinzip Bahá'u'lláhs ist: `Bildung und Erziehung der Frauen`

40.33 Die Frauen sind mit den Männern auf Erden gleichberechtigt. Für die Religion und die Gemeinschaft stellen sie einen sehr wichtigen Bestandteil dar. Solange den Frauen die höchsten Möglichkeiten verschlossen bleiben, werden sie außerstande sein, die Bedeutung zu erlangen, zu der sie fähig wären.

40.34 Das elfte Prinzip Bahá'u'lláhs bezieht sich auf `Die Macht des Heiligen Geistes, durch den allein eine geistige Entfaltung möglich ist`

40.35 Nur durch den Odem des Heiligen Geistes ist geistige Entfaltung möglich. Wie sehr die materielle Welt sich auch entwickeln und wie prächtig sie sich schmücken mag, so wird sie doch stets leblos bleiben, solange nicht die Seele in ihr ist; denn es ist die Seele, die dem Körper Leben gibt. Der Körper an sich hat keine wirkliche Bedeutung. Ohne die Segnungen des Heiligen Geistes hätte der stoffliche Körper keine Regung.

40.36 Dies sind, ganz knapp erläutert, einige Grundsätze Bahá'u'lláhs.

40.37 Wir sollten alle, kurz gesagt, Verehrer der Wahrheit sein. Laßt uns zu jeder Zeit und in jedem Lande nach ihr suchen und dabei auf der Hut sein, uns nicht an Persönlichkeiten zu hängen. Schauen wir auf das Licht, wo immer es leuchtet, und werden wir fähig, das Licht der Wahrheit zu erkennen, gleichviel, wo es aufgeht. Laßt uns den Duft der Rosen durch die Dornen hindurch genießen und das sprudelnde Wasser aus jeder reinen Quelle trinken.

40.38 Seit meiner Ankunft in Paris hat es mir viel Freude bereitet, mit Parisern wie euch zusammenzukommen, denn ihr seid, Gott Lob, verständig, vorurteilsfrei und begierig, die Wahrheit zu erfahren. Ihr habt im Herzen Menschenliebe und müht euch, soweit ihr könnt, um die Sache der Wohlfahrt und die Verwirklichung der Einheit. Dies ist Bahá'u'lláhs besonderer Wunsch.

40.39 Ich bin darum so glücklich, unter euch zu sein, und ich bete für euch, daß ihr die Segnungen Gottes in euch aufnehmen und zur Ursache der Ausbreitung der Geistigkeit in diesem ganzen Lande werden möget.

40.40 Ihr habt bereits eine wundervolle materielle Zivilisation, und so soll euch auch geistige Zivilisation zuteil werden.
(Herr Bleck sprach 'Abdu'l-Bahá seinen Dank aus, der darauf erwiderte:)

40.41 Ich bin Ihnen sehr dankbar für die eben geäußerten freundlichen Gefühle. Ich hoffe, daß diese beiden Bewegungen in nicht zu ferner Zeit über die ganze Erde ausgedehnt sein werden. Dann wird die Einheit der Menschheit ihr Zelt im Mittelpunkt der Welt errichtet haben.
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Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Verfasst am: 17.11.2007, 21:30
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