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Mensch und Natur

Mensch und Natur

Die Beziehungen zwischen Mensch und Natur sind sehr komplex. Um sie in ihrem ganzen Umfang abschätzen zu können, muß man einige Wesenszüge der Natur beachten, wie sie in den Bahá'í- Schriften beschrieben werden, und sich gewisse Werte und Einstellungen bewußt machen, welche das persönliche Verhalten und die Prioritätsetzung steuern.


Wesenszüge der Natur



Ein vereinheitlichtes System


Abdu'l-Bahá stellt fest, daß der »Tempel der Welt«¹ nach dem »Bild und Gleichnis des Menschenleibes gestaltet worden ist«¹

¹ Abdu'l-Bahá, aus einem aus dem Persischen übersetzten Sendschreiben

Er erklärt dies:

»Hiermit ist gemeint: Wie der Menschenleib in dieser Welt äußerlich aus verschiedenen Gliedern und Organen zusammengesetzt ist und doch in Wirklichkeit ein eng verbundenes, zusammenhängendes Ganzes bildet, so gleicht die Struktur der stofflichen Welt einem einzigen Wesen, dessen Teile und Glieder untrennbar miteinander verbunden sind.«¹

»Würde man beobachten mit einem Auge, das die Wirklichkeit aller Dinge entdeckt, so würde es sich herausstellen, daß die größte die Welt des Seins miteinander verbindende Beziehung in der Reichweite des Erschaffenen liegt und daß Zusammenarbeit, gegenseitige Hilfe und Wechselwirkung zu den wesentlichen Merkmalen im Großkörper der Welt des Seins gehören; denn alle erschaffenen Dinge stehen in enger Beziehung zueinander, eines ist vom anderen beeinflußt oder nutzt es, unmittelbar oder mittelbar.«¹

»Erwäge zum Beispiel, wie eine Gruppe erschaffener Dinge das Pflanzenreich, eine andere das Tierreich bildet. Jede Gruppe nutzt gewisse Elemente in der Luft, von denen ihr Leben abhängig ist, während jede zugleich solche Elemente vermehrt, die für das Leben der anderen Gruppe wesentlich sind. Mit anderen Worten, Wachstum und Entwicklung des Pflanzenreichs sind ohne das Dasein des Tierreichs unmöglich, und der Fortbestand tierischen Lebens ist ohne Zusammenwirken mit dem Pflanzenreich unvorstellbar. Gleicher Art sind die Beziehungen unter allen erschaffenen Dingen. Folglich steht fest, daß Zusammenarbeit und Wechselwirkung wesentliche, dem vereinheitlichten System der Welt des Seins innewohnende Merkmale sind, ohne welche die ganze Schöpfung in den Zustand des Nichtseins zurückfiele.«¹

¹ Abdu'l-Bahá, aus einem aus dem Persischen übersetzten Sendschreiben

An anderer Stelle beschreibt Abdu'l-Bahá, wie »alle Teile des Weltalls« (ABSEL 137/2) wechselseitig verbunden sind und wie wichtig es ist, das Gleichgewicht im System aufrechtzuerhalten.

»Sinne nach über die inneren Wirklichkeiten des Weltalls, seine geheimen Weisheiten, seine Rätsel und Wechselbeziehungen, seine alles steuernden Regeln; denn jeder Teil des Weltalls ist mit jedem anderen Teil verknüpft durch mächtige Bande, die kein Ungleichgewicht zulassen und nicht erschlaffen.« (ABSEL 137/2)


Gesetz und Organisation

Abdu'l-Bahá erklärt, daß »die Welt der Erscheinungen ganz der Vorschrift und Herrschaft des Naturgesetzes unterliegt« (PUP p.17). Er stellt die »absolute Organisation« der Natur, ihren Mangel an »Verstand« und »Willen« (vgl BF S.17), der Fähigkeit des Menschen gegenüber, den »Kräften der Natur zu gebieten«, indem er die »Verfassung der Dinge« (vgl. BF S.17)

»Diese Natur unterliegt einer absoluten Organisation, klar bestimmten Gesetzen, einer vollständigen Ordnung und einem vollkommenen Plan, von dem sie niemals abweicht, und zwar in einem Ausmaß, daß man bei sorgfältiger und genauer Beobachtung vom kleinsten unsichtbaren Atom bis zu solch großen Gebilden in der Welt des Daseins wie der Sonne oder anderen großen Sternen und leuchtenden Himmelskörpern, betrachtet man ihre Anordnung, Zusammensetzung, Form oder Bewegung, feststellen wird, daß alle in höchstem Maß einer Gestaltung und einem einzigen Gesetz unterliegen, von dem sie niemals abweichen können.« (BF S.17)

»Wenn man aber die Natur selbst betrachtet, erkennt man, daß sie weder Verstand noch Willen besitzt. So liegt es zum Beispiel in der Natur des Feuers, daß es brennt; es brennt ohne Willen und Verstand. Das Wesen des Wassers besteht darin zu fließen; es fließt ohne Willen und Verstand. Das Wesen der Sonne ist zu scheinen; sie scheint ohne Willen und Verstand. Das Wesen des Dampfes ist aufzusteigen; ohne Willen und Verstand steigt er auf. Damit ist klar erwiesen, daß die natürlichen Bewegungen aller Dinge zwangsläufig geschehen und sich nichts nach eigenem Willen bewegt, mit Ausnahme des Tieres und vor allem des Menschen. Der Mensch vermag sich der Natur zu widersetzen und sie zu bekämpfen, da er die Verfassung der Dinge entdeckt und dadurch den Kräften der Natur gebietet. Alle Erfindungen, die er gemacht hat, beruhen darauf, daß der Mensch die Verfassung der Dinge entdeckt. So erfand er zum Beispiel die Telegraphie als Mittel der Verständigung zwischen Ost und West. Daraus wird klar, daß der Mensch die Natur beherrscht.« (BF S.17)

»Wenn man nun im Dasein solche Organisationen, Anordnungen und Gesetze erkennt, kann man behaupten, dies alles seien Auswirkungen der Natur, obwohl die Natur weder Verstand noch Wahrnehmungsvermögen besitzt? Ist dies nicht der Fall, so wird klar, daß diese Natur, die weder Wahrnehmungsvermögen noch Verstand besitzt, in der Hand des allmächtigen Gottes ruht, der der Herrscher über das Reich der Natur ist; was immer Er wünscht, läßt Er die Natur hervorbringen.« (BF S.17)


Veränderung und Bewegung


Veränderung ist ein die gesamte stoffliche Schöpfung steuerndes Gesetz. Es läßt sich am Verlauf der Jahreszeiten erkennen. Abdu'l-Bahá schreibt:

»Die Erde bewegt und entfaltet sich; Berge, Hügel und Wiesen stehen in wohltuendem Grün. Üppig ist die Fülle, umfassend die Gnade. Aus der Wolke der Gnade fällt der Regen hernieder, die strahlende Sonne scheint, der Vollmond schmückt den Horizont des Himmels. Die große Meeresflut strömt in jeden kleinen Priel. Die Gnadengaben hören nicht auf, die Gunstbezeigungen folgen einander. Erfrischend weht der Wind und trägt den Duft der Blumen mit sich fort. Der König der Könige hält grenzenlosen Reichtum in Händen! Hebe den Saum deines Gewandes, um dein Teil zu empfangen.« (TAB III p.641)

»Wie im Frühling wird bald die ganze Welt ihr Kleid erneuern. Das Treiben und Fallen des Herbstlaubs ist vorüber, des Winters Kälte ist vergangen. Das neue Jahr ist angebrochen und der geistige Frühling naht. Aus der schwarzen Erde wird ein grüner Garten, Wüsten und Gebirge sind mit roten Blumen übersät, am Rand der Wildnis stehen große Gräser wie eine Vorhut vor Zypressen und Jasminbäumen, während auf den Zweigen des Rosenstrauches die Vögel singen wie die Engel des höchsten Himmels, die frohe Botschaft vom Kommen des geistigen Frühlings kündend, und der süße Klang ihrer Stimmen das innerste Wesen aller Dinge bewegt und schwingen läßt.« (TAB II p.318)

Abdu'l-Bahá stellt fest, daß »es in der Natur keine vollkommene Ruhe gibt«, daß »Bewegung allem Dasein eigen ist« (PARIS S.68). In Bezug auf das Dasein beschreibt er den Vorgang von »Verbindung und Auflösung« (ABSEL 225/18)

»Betrachte sodann die Erscheinungen der Verbindung und der Auflösung, des Seins und des Nichtseins. Alles Erschaffene in der bedingten Welt ist aus vielen verschiedenartigen Atomen zusammengesetzt. Sein Dasein hängt von der Verbindung dieser Atome ab. Mit anderen Worten, durch Gottes Schöpferkraft werden einfache Urstoffe zusammengefügt, so daß aus dieser Verbindung ein bestimmter Organismus entsteht. Das Dasein aller Dinge beruht auf diesem Prinzip. Wenn aber die Ordnung gestört wird, bewirkt dies die Auflösung, und Zerfall setzt ein. Dann hört das betreffende Ding zu bestehen auf. Das bedeutet, die Vernichtung aller Dinge hat ihre Ursache im Zerfall und in der Auflösung. Deshalb ist Anziehung und Verbindung zwischen den verschiedenen Elementen das Mittel zum Leben; Uneinigkeit, Zerfall und Teilung verursachen Tod. So bewirken Kräfte des Zusammenhalts und der Anziehung, daß ertragreiche Ergebnisse und Wirkungen entstehen, während Entfremdung und Abkehr zur Verwirrung und Vernichtung der Dinge führen. Durch Verbindungsfähigkeit und Anziehung wird alles Lebendige - Pflanzen, Tiere und Menschen - ins Dasein gerufen, während Teilung und Uneinigkeit Zerfall und Zerstörung herbeiführen.« (ABSEL 225/18)

Er erklärt weiterhin, daß sich der Entwicklungsprozeß in der stofflichen Welt auf immer höhere Ebenen der Komplexität hinbewegt:

»In der stofflichen Schöpfung erfolgt die Entwicklung von einer Stufe der Vervollkommnung zur anderen. Das Mineral geht mit seinen mineralischen Vollkommenheiten ins Pflanzliche über, die Pflanze geht mit ihren Vollkommenheiten in die Tierwelt und weiter in die Welt des Menschen ein.« (PARIS S.49)


Vielfalt


Abdu'l-Bahá beschreibt Vielfalt als »Vollkommenheit dem Wesen nach, die bewirkt, daß die Segnungen (Gottes) erscheinen« (ABSEL 225/23)

Er erklärt:

»Betrachtet die Blumen eines Gartens. Obwohl sie nach Art, Farbe, Form und Gestalt verschieden sind, werden sie doch vom Wasser einer Quelle erfrischt, vom selben Windhauch belebt, von den Strahlen einer Sonne gestärkt. So erhöht die Vielfalt ihren Reiz und steigert ihre Schönheit. Wenn die vereinende Kraft, der durchdringende Einfluß von Gottes Wort dergestalt wirkt, verschönern die unterschiedlichen Gebräuche, Verhaltensweisen, Ideen, Ansichten und Veranlagungen die Menschenwelt. Diese Vielfalt, dieser Unterschied entspricht der naturgeschaffenen Ungleichheit und Vielfalt der Glieder und Organe des Menschenleibs; denn jedes trägt zur Schönheit, Wirksamkeit und Vollkommenheit des Ganzen bei ...« (ABSEL 225/24)

»Wie unerfreulich wäre es für das Auge, wenn alle Blumen und Pflanzen, Blätter und Blüten, Früchte, Zweige und Bäume jenes Gartens die gleiche Form und Farbe hätten! Vielfalt in Farbe, Form und Gestalt bereichert und verschönert den Garten und erhöht dessen Ausdruck ...« (ABSEL 225/25)

Das Ausmaß an Vielfalt in der »Welt der erschaffenen Wesen« (PARIS S.37) wird im folgenden Abschnitt betont:

»... die Formen und Organismen der Erscheinungswelt (sind) in jedem Reiche des Universums unendlich in ihrer Vielzahl. Zum Beispiel weist die Stufe oder das Reich der Pflanze eine unendliche Vielfalt von Typen und Strukturen des Pflanzenlebens auf, von denen jede einzelne wiederum eigenständig und unterschieden ist. Keine zwei gleichen sich im Aufbau und in den Einzelheiten völlig, denn in der Natur gibt es keine Wiederholungen, und die Fähigkeit des Wachstums läßt sich nicht auf ein bestimmtes Bild oder eine bestimmte Form beschränken. Jedes Blatt hat seine Besonderheit, sozusagen als Blatt eine eigene Individualität ...« PUP p.285)


Die Natur dient der Menschenwelt

Abdu'l-Bahá beschreibt die »Ursachen und Begleitumstände« für die »Vollkommenheit« (BF S.84) des Mineral-, Pflanzen- und Tierreichs, und Er unterscheidet dies von ihrem »wahren Glück« (BF S.38), das zur Ehre der verschiedenen Reiche beiträgt.

»Ehre und Auszeichnung alles Erschaffenen hängen von Ursachen und Begleitumständen ab.«

»Vortrefflichkeit, Schmuck und Vollkommenheit der Erde bestehen darin, durch die Gaben der Frühlingswolken grün und fruchtbar zu sein. Pflanzen wachsen, Blumen und duftende Kräuter sprießen hervor, fruchttragende Bäume kommen in Blüte und bringen frische und neue Früchte hervor. Gärten erblühen prächtig, Wiesen stehen in bunter Zier: Berge und Ebenen sind in Grün gekleidet; Gärten, Felder, Dörfer und Städte legen den schönsten Schmuck an. Darin besteht das Glück des Mineralreichs.«

»Das Pflanzenreich findet höchste Auszeichnung und Vollkommenheit darin, daß ein Baum am Ufer eines Baches mit klarem Wasser wachsen kann, daß ein angenehmer Wind über ihn weht und die warme Sonne auf ihn scheint, daß ein Gärtner ihn pflegt und er sich Tag für Tag entfaltet und Früchte trägt. Sein wahres Glück aber ist sein Aufstieg zum Tier- und Menschenreich, indem er das ersetzt, was im Körper der Tiere und Menschen verbraucht wurde.«

»Die Auszeichnung für das Tierreich besteht darin, vollkommene Glieder, Organe und Kräfte zu besitzen und alle Bedürfnisse stillen zu können. Darin liegt seine größte Herrlichkeit, sein Ruhm und seine Auszeichnung. Daher bedeutet für ein Tier höchstes Glück, eine grüne und fruchtbare Wiese, vollkommen klares, fließendes Wasser und einen wunderschönen, grünen Wald sein eigen zu nennen. Stehen ihm all diese Dinge zur Verfügung, so kann man sich kein größeres Glück vorstellen. Baut zum Beispiel ein Vogel sein Nest in einem grünen, fruchtbaren Wald, an schöner hochgelegener Stelle in einem starken Baum, in der Spitze hochragender Äste, und findet er alles, was er an Körnern und Wasser braucht, so bedeutet dies für ihn vollkommenes Glück.«

»Aber das wahre Glück des Tieres besteht im Aufstieg vom Tier- zum Menschenreich, wie die Kleinlebewesen, die durch das Wasser und die Luft in den Körper des Menschen eindringen und das ersetzen, was von ihm verbraucht wurde. Darin liegt die größte Ehre und das Glück für das Tierreich; keine größere Ehre ist für es denkbar.«

(Abdu'l-Bahá, in BF S.84)


Die Natur ist unvollkommen


Es bestehen zwei entgegengesetze Auffassungen über die Natur - die eine besagt, »die natürliche Welt sei vollständig«¹ die andere erklärt, sie sei »unvollständig« da sie der »Einsicht und der Erziehung bedarf«¹

¹ vgl. PUP p.329

Abdu'l-Bahá stellt dar, daß »die Welten des Minerals, der Pflanze, des Tiers und des Menschen einen Erzieher brauchen« (BF S.21)

»Die Materialisten sind der Meinung, die natürliche Welt sei vollständig. Die göttlichen Philosophen sagen, die natürliche Welt sei unvollständig. Zwischen den beiden ist ein großer Unterschied. Die Materialisten machen auf die Vollkommenheit der Natur aufmerksam, die Sonne, der Mond und die Sterne, die Bäume in ihrem Schmuck, die ganze Erde und das Meer; selbst unbedeutende Erscheinungen offenbaren die vollkommenste Symmetrie. Die göttlichen Philosophen leugnen diese scheinbare Vollkommenheit und Vollständigkeit im Reich der Natur, obgleich sie die Schönheit ihrer Erscheinungsformen zugeben und die unwiderstehlichen kosmischen Kräfte anerkennen, die die riesigen Sonnenwelten und Planeten steuern. Sie sagen, daß die Natur zwar vollkommen erscheint, aber gleichwohl unvollkommen ist, da sie der Einsicht und Erziehung bedarf. Zum Beweis dessen führen sie an, daß der Mensch, obgleich er im Bereich der materiellen Schöpfung ein wahrer Gott ist, selbst einen Erzieher benötigt. Wird der Mensch nicht durch Erziehung gebildet, so ist er wild, tierhaft und brutal. Gesetze und Verordnungen, Volksschulen, Gymnasien und Universitäten haben die Ausbildung des Menschen und seine Erhebung aus dem dunklen Grenzbezirk des Tierreichs zum Zweck.« (PUP p.329)

»Betrachten wir die Welt des Daseins, so sehen wir, daß Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich einen Erzieher brauchen.«¹

»Bleibt die Erde unbebaut, so wird sie zur Wildnis, in der Unkräuter wachsen. Wenn aber der Bauer kommt und sie beackert, bringt sie Ernten hervor, die den Lebewesen als Nahrung dienen. Daher ist es klar, daß die Erde der Bearbeitung durch den Bauern bedarf. Betrachte die Bäume: Ohne Pflege eines Gärtners blieben sie ohne Frucht, und ohne Frucht wären sie ohne Nutzen; werden sie jedoch von einem Gärtner gepflegt, bringen eben diese ertraglosen Bäume Früchte hervor; ebenso werden Bäume mit bitteren Früchten durch Pflege, Veredlung und Pfropfung süße Früchte tragen ...«¹

»Dasselbe gilt für das Tierreich: Beachte, daß ein Tier, wenn es erzogen wird, zum Haustier wird, und daß ein Mensch ohne Erziehung zum Tier wird; verbleibt der Mensch unter der Herrschaft der Natur, sinkt er sogar unter die Stufe des Tiers herab. Durch die Erziehung aber wird er zum Engel ...«¹

¹ Abdu'l-Bahá, in BF S.21



Haltungen und Werte


Die Bahá'í-Schriften betonen bestimmte geistige Werte und Haltungen, die für die Beziehung des Menschen zur Natur bestimmend sind. Dazu gehören:

Würdigung der Natur

Das Wissen um die Tatsache, daß der Mensch der Erde »... seinen Wohlstand ... verdankt« (WOLF S.52), »wird ausgewogen durch die Einsicht, daß »Wert und Würde des Menschen mehr sein müssen als materieller Reichtum« (BF S.85)

»Jeder Mensch mit Urteilsvermögen, der auf Erden wandelt, fühlt sich in der Tat beschämt, weil er sich voll bewußt ist, daß dasjenige, dem er seinen Wohlstand, seinen Reichtum, seine Macht, seine Erhöhung, seinen Fortschritt und all seine Kraft verdankt, nach dem Willen Gottes die nackte Erde ist, die alle Menschen mit Füßen treten. Zweifellos ist jeder, der sich dieser Wahrheit bewußt ist, von allem Stolz, Dünkel und Hochmut geläutert und geheiligt.« (WOLF S.52)

»Womit könnt ihr zu Recht prahlen? Ist es euer Essen und Trinken, worauf ihr stolz seid, sind es die Schätze, die ihr in eueren Truhen speichert, die Vielfalt und der Preis des Schmucks, mit dem ihr euch behängt? Wenn wahrer Ruhm im Besitz solch vergänglicher Dinge bestünde, dann müßte zwangsläufig die Erde, auf der ihr wandelt, sich vor euch brüsten, weil sie euch nach dem Ratschluß des Allmächtigen mit eben diesen Dingen versorgt und beschenkt. Tief in ihr ist alles enthalten, was ihr besitzet, wie Gott es verordnet hat. Aus ihr schöpfet ihr eueren Reichtum als ein Zeichen Seiner Barmherzigkeit. So betrachtet denn eueren Zustand, das, worauf ihr stolz seid! Könntet ihr es doch begreifen!« (ÄL 118/7)

»Damit ist klar, daß Ehre und Würde des Menschen mehr sein müssen als weltlicher Reichtum; materielle Annehmlichkeiten sind nur ein Zweig, aber die Wurzel menschlicher Größe sind gute Eigenschaften und Tugenden, die der Schmuck seiner Wirklichkeit sind. Dieser Schmuck besteht in den göttlichen Erscheinungen, den himmlischen Gaben, den edlen Gefühlen und in der Liebe und Erkenntnis Gottes. Er ist umfassende Weisheit, verständige Wahrnehmung, wissenschaftliche Entdek- kungen, Gerechtigkeit, Unparteilichkeit, Wahrhaftigkeit, Güte, natürlicher Mut und tiefe Seelenstärke; Rücksicht und Einhaltung von Verträgen und Bündnissen; Geradheit unter allen Umständen, Dienst an der Wahrheit in allen Lebenslagen; Aufopferung für das Wohl aller Menschen, Güte und Achtung für alle Völker; Gehorsam gegenüber den göttlichen Lehren, Dienst im Reiche Gottes, Führung der Menschen, Erziehung der Nationen und Rassen. Dies ist das wahre Glück der Menschenwelt! Dies ist die Größe des Menschen in dieser Welt! Dies ist immerwährendes Leben und himmlische Ehre!« (BF S.85)


Mäßigung


Die Bahá'í-Schriften ermutigen zur Loslösung von »dieser Welt und ihren Eitelkeiten«, da »Bindung« (ÄL 128/2) den Menschen davon ablenkt, an Gott zu denken. Hiermit wird jedoch keineswegs eine Art Askese begründet, noch werden die Annehmlichkeiten des Lebens abgelehnt. Bahá'u'lláh erklärt:

»Möchte ein Mensch sich mit dem Schmuck dieser Erde schmücken, ihre Trachten tragen und die Wohltaten genießen, die sie zu schenken vermag, so kann ihm das nicht schaden, sofern er nichts zwischen sich und Gott treten läßt; denn Gott hat alle guten Dinge, ob sie in den Himmeln oder auf Erden erschaffen sind, für jene Seiner Diener bestimmt, die wahrhaft an Ihn glauben. Genießet, o Menschen, die guten Dinge, die Gott euch erlaubt, und beraubt euch nicht selbst Seiner wunderbaren Gaben. Bringet Ihm Dank und Preis, und gehöret zu den wahrhaft Dankbaren.« (ÄL 128/3)

Mäßigung ist der Maßstab:

»In allen Dingen ist Mäßigung wünschenswert. Wird etwas übertrieben, so erweist es sich als Quell des Unheils ...« (AKKA 6/31)


Tierliebe

Bahá'u'lláh verlangt vom Menschen, »gütig (zu) sein zu den Tieren« (ÄL 125/3) und warnt vor »übertriebener Jagd« (Aqdas.Codex Anm.34 S.92)

Abdu'l-Bahá schreibt hierzu:

»Kurz, nicht nur ihren Mitmenschen müssen die Geliebten Gottes voll Erbarmen und Mitleid begegnen; sie müssen vielmehr jedem Lebewesen höchste Güte bezeigen, hegen doch in allen körperlichen Vorgängen, wo immer der Tiergeist betroffen ist, Mensch und Tier dieselben Gefühle. Der Mensch hat diese Wahrheit allerdings nicht begriffen. Er wähnt, daß sich körperliche Empfindungen auf menschliche Wesen beschränken. Deshalb ist er zu den Tieren ungerecht und grausam.« (ABSEL 138/2)

»Und doch: Welcher Unterschied besteht denn wirklich, wenn es um körperliche Empfindungen geht? Die Gefühle sind dieselben, ob man einem Menschen oder einem Tier Schmerz zufügt. Da gibt es keinerlei Unterschied. Tatsächlich ist es schlimmer, einem Tier zu schaden, denn der Mensch hat Sprache, er kann sich beklagen, kann schreien und jammern. Wenn ihm Unrecht geschieht, kann er sich an die Obrigkeit wenden und sie wird ihn vor seinem Angreifer schützen. Aber das unglückliche Tier ist stumm. Es kann seinen Schmerz weder ausdrücken noch seinen Fall vor die Obrigkeit bringen. Wenn ein Mensch einem Tiere tausend Übel zufügt, kann es ihn weder mit Worten abwehren noch vor Gericht ziehen. Deshalb ist es besonders wichtig, daß ihr den Tieren die größte Rücksicht erweist und zu ihnen eher noch gütiger seid als zu euren Mitmenschen.« (ABSEL 138/3)

»Erzieht eure Kinder von den frühesten Tagen an, unendlich zart und liebevoll zu Tieren zu sein. Ist ein Tier krank, laßt die Kinder es zu heilen versuchen; ist es hungrig, laßt sie es füttern; ist es durstig, laßt sie es tränken; ist es schwach, laßt sie dafür sorgen, daß es ausruht.« (ABSEL 138/4)

»Die meisten Menschen sind Sünder; aber die Tiere sind schuldlos. Wer ohne Sünde ist, sollte gewiß die größte Güte und Liebe empfangen - alle Tiere außer den Schädlingen ... Aber den gesegneten Tieren muß man große Güte erweisen - je mehr, desto besser. Zartheit und Güte sind grundlegende Leitlinien für Gottes himmlisches Reich. Das solltet ihr besonders sorgsam im Herzen tragen.« (ABSEL 138/5)

Die Bahá'í-Schriften versichern auch, daß es für die Gesundheit nicht notwendig ist, Fleisch zu essen:

»Was den Verzehr von Tierfleisch und die Enthaltsamkeit davon angeht, ... so ist er (der Mensch) nicht darauf angewiesen noch gezwungen, Fleisch zu essen. Auch ohne Fleisch zu essen, kann er im Besitz größter Kraft und Energie sein ... Wahrlich, Tiere zu töten und ihr Fleisch zu essen, steht im Widerspruch zu Mitleid und Mitgefühl. Wenn sich jemand mit Körnern, Früchten, Öl und Nüssen wie Pistazien, Mandeln und so weiter begnügen könnte, wäre dies zweifellos besser und angenehmer.«

(Abdu'l-Bahá, aus einem aus dem Persischen übersetzten Sendschreiben)


Entwicklung der Natur

Nach Bahá'í-Ansicht ist die stoffliche Schöpfung dynamisch und entwickelt sich von »einer Stufe der Vervollkommnung zur anderen« (PARIS S.49). Sie ist jedoch »unvollkommen«, da es ihr an »Verstandeskraft und Erziehung« (PUP p.329) fehlt. Sie bedarf der Entwicklung durch den Menschen, damit nicht nur ihre Ordnung und Schönheit - in den Bahá'í-Lehren hochgeschätzte Maßstäbe -, sondern auch ihre Fruchtbarkeit und Ertragsfähigkeit zunehmen. Abdu'l-Bahá schreibt über die Schaffung von Ordnung und Schönheit im Reich der Natur:

»Die Natur ist die materielle Welt. Wenn wir sie betrachten, stellen wir fest, daß sie dunkel und unvollkommen ist. Überlassen wir zu Beispiel ein Stück Land seinem natürlichen Zustand, werden wir es mit Dornen und Disteln bedeckt vorfinden; nutzlose Unkräuter und wilde Pflanzen werden auf ihm wachsen; es wird zur Wildnis werden. Die Bäume werden keine Früchte tragen; es wird ihnen an Schönheit und Ebenmaß mangeln ...« (PUP p.308)

»Und wenn du an Feldern und Anpflanzungen vorbeikommst, siehst du die Pflanzen, Blumen und duftenden Kräuter reich und fruchtbar zusammen wachsen und ein Muster für die Einheit abgeben. Das ist ein Beweis dafür, daß diese Anpflanzung, dieser Garten unter der Fürsorge eines erfahrenen Gärtners gedeiht. Siehst du diesen Garten aber in einem Zustand der Unordnung und der Verwahrlosung, so schließt du daraus, daß ihm die Pflege eines erfahrenen Landmanns fehlt und er demzufolge Wicken und Unkraut hervorbringt.« (ABSEL 225/20)

Abdu'l-Bahá betont den Beitrag der Kultivierung als Mittel der Steigerung der Fruchtbarkeit und des Ertrags der Erde:

»Wenn wir dieses Grundstück in seinen Naturzustand zurückverbannen und zulassen, daß es zu seiner ursprünglichen Beschaffenheit zurückkehrt, wird daraus ein Feld voller Dornen und Unkräuter; wird es aber kultiviert, so entsteht fruchtbarer Boden, der Ernte einbringt. Unbearbeitet wären die Berghänge Wildnis und Wälder ohne nutzbare Bäume. Gärten bringen Früchte und Blumen hervor, je mehr der Gärtner sie hegt und pflegt.« (PUP p.353)

»Ein Weizenkorn wird eine ganze Ernte bringen, wenn es vom Bauern kultiviert wird, und ein Samenkorn wird durch die Pflege des Gärtners zu einem großen Baum heranwachsen ...« (ABSEL 104:2)

Obwohl die Welt der Natur der Entwicklung bedarf, muß der menschliche Zugang zu dieser Entwicklung von Mäßigung geprägt sein, von der Bindung an die Bewahrung des »Erbes künftiger Generationen«¹ und von einem Bewußtsein für die Heiligkeit der Natur, wie es alle Schriften der Bahá'í-Religion durchdringt. Bahá'u'lláh erklärt zum Beispiel:

»Selig der Ort und das Haus und der Platz und die Stadt und das Herz und der Berg und das Obdach und die Höhle und das Tal und das Land und das Meer und die Insel und die Au, wo Gottes gedacht und Sein Lob gepriesen wird.« (Bahá'u'lláh, zit. in Gebete S.7)

¹ Shoghi Effendi, aus einem Telegramm vom 22. Mai 1951 an die New Earth Luncheon, London, U.K.


Die Wichtigkeit der Landwirtschaft

Bahá'u'lláh erklärt: »Besondere Beachtung muß der Landwirtschaft geschenkt werden.« (AKKA 7/23). Er bezeichnet sie als eine Tätigkeit, die »den Fortschritt der Menschheit und den Aufbau der Welt bewirkt« (AKKA 7/18).

Abdu'l-Bahá bestätigt:

»Die Grundlage der Gemeinschaft ist die Landwirtschaft, der Ackerbau ...« (Abdu'l-Bahá, zit. in Star of the West, Band 4, Nr.6 p.103)

Er beschreibt die Landwirtschaft als »eine edle Wissenschaft«¹, deren Ausübung »Gottesdienst« (ABSEL 126/1) ist, und ermutigt Frauen wie Männer, sich mit »landwirtschaftlichen Wissenschaften« (PUP p.283) zu beschäftigen. Wenn ein Mensch »auf diesem Gebiet bewandert wird, trägt er zum Wohl unzähliger Menschen bei«¹

¹ Abdu'l-Bahá, aus einem aus dem Persischen übersetzten Sendschreiben


Bezüglich der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Völker betont das Universale Haus der Gerechtigkeit die Wichtigkeit der »Landwirtschaft und die Wahrung des ökologischen Gleichgewichts in der Welt«¹

¹ Das Universale Haus der Gerechtigkeit, Sekretariatsabteilung, aus einem Brief vom 31. März 1985 an die Gesellschaft für Bahá'í-Studien


Die Nutzung der Wissenschaft


Die Wissenschaft wird beschrieben als »die Herrscherin über die Natur und ihre Geheimnisse, das Mittel, wodurch der Mensch die Einrichtungen der materiellen Schöpfung erforscht« (PUP p.2):

»... der Mensch kann durch die Anwendung seiner wissenschaftlichen Verstandeskraft die Natur nach seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen verändern, umwandeln und steuern. Die Wissenschaft bricht sozusagen die Naturgesetze.« (PUP p.30)

»Erwäge zum Beispiel, daß der Mensch nach dem Naturgesetz auf der Oberfläche der Erde zu bleiben hat. Aber er überwindet dieses Gesetz und diese Begrenzung, segelt in Schiffen über den Ozean, steigt mit Flugzeugen zum Zenit empor und taucht mit Unterseebooten in die Tiefen des Meeres. Das widerspricht dem Befehl der Natur und bedeutet eine Verletzung ihrer Souveränität und Herrschaft. Die Gesetze und Methoden der Natur, die verborgenen Geheimnisse und Mysterien des Weltalls, die menschlichen Erfindungen und Entdeckungen, all unsere wissenschaftlichen Errungenschaften müßten eigentlich verborgen und unerkannt bleiben, aber durch seinen durchdringenden Verstand bringt der Mensch sie von der Ebene des Unsichtbaren empor zur Ebene des Sichtbaren, deckt sie auf und erklärt sie. Zum Beispiel ist die Elektrizität eins dieser Naturgeheimnisse. Gemäß der Natur sollte diese Kraft, diese Energie, brachliegen und verborgen bleiben, aber der Mensch durchbricht als Wissenschaftler die eigentlichen Naturgesetze, bannt diese Kraft und hält sie gefangen, um sie für sich zu nutzen.« (PUP p.30)

»Kurz gesagt, der Mensch ist durch Besitz dieser herrlichen Gabe wissenschaftlichen Forschens das edelste Werk der Schöpfung, der Beherrscher der Natur...« (PUP p.30)

Abdu'l-Bahá verknüpft wissenschaftliches Streben mit einer edlen Zielsetzung. Er stellt fest:

»Diese Gabe ist die lobenswerteste Kraft des Menschen, denn durch ihren Einsatz und ihre Anwendung wird das Menschengeschlecht veredelt, menschliche Tugenden werden entwickelt, und Gottes Geist und Seine Geheimnisse werden offenbar...» (PUP p.31)

Ausdrücklich hebt Er den allgemeingültigen Grundsatz hervor, daß

»jedes Mittel, selbst das Werkzeug des höchsten Wohls der Menschheit, mißbraucht werden kann. Sein richtiger Gebrauch oder der Mißbrauch hängt ab von den unterschiedlichen Stufen der Aufklärung, der Fähigkeit, des Glaubens, der Redlichkeit, der Hingabe und des Edelmuts bei den Trägern der öffentlichen Meinung.« (Abdu'l-Bahá, Das Geheimnis göttlicher Kultur, S.25)
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Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Verfasst am: 25.11.2007, 20:35
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